
„Wie wäre es denn, wenn Sie öfter Zug fahren“, schlägt Katharina Zwettler beizeiten ihren Gesprächspartner*innen als einen Beitrag für nachhaltige Mobilität vor. „Nein“, sei manchmal die knappe Antwort. Häufig würden solche und ähnliche Gespräche damit auch enden, aber das kritisiert sie im Wissenschaftspanel: Sie plädiert dafür, nachzufragen, zuzuhören. Auch wenn man sich oberflächlich uneinig ist. „Denn welche Werte stecken dahinter?“ In diesen könnten wieder Gemeinsamkeiten stecken – und in dem ein oder anderen oberflächlichen Nein auch ein kleines Ja.
„Tu es“ ist das Motto des dritten AlpenKlimaGipfel auf der Zugspitze. Wollen ist cool, handeln ist besser, darin sind sich die Panel-Teilnehmer*innen einig. Aber wie genau bringt man Menschen dazu, nachhaltig zu handeln? Und zwar nicht als Individuen, sondern in Kollektiven, als Netzwerk, als Gesellschaft? Das waren einige zentrale Fragen des Austauschs.
Katharina Zwettler arbeitet daran, die Lücke zwischen Wollen und Handeln zu schließen. Sie ist Vorsitzende des Alpinen Klimabeirats der Alpenkonvention und Referentin im österreichischen Umweltministerium. Im Projekt „Human Factor“ gibt sie Trainings für Multiplikator*innen mit Alpenbezug. Es gehört zu Interreg Alpine Space und wird von der EU gefördert. Die Grundannahme des Projektes: Es gibt derzeit einen breiten Rückhalt für Nachhaltigkeit in der Gesellschaft. Aber im Handeln und in den Institutionen zeige sich der Wandel bisher wenig. Daher brauche es Möglichkeiten, sich über Informationen und den emotionalen und praktischen Umgang damit auszutauschen. Dort setzen die Trainings an.
Was beim Training geübt wird, ist „Agency“. Dazu forscht die Sozial- und Trendwissenschafterin Anja Kirig. Agency bedeutet, selbstbestimmt und aktiv handeln zu können. Dazu müssen sich die Menschen als fähig wahrnehmen. Einerseits sei die Gesellschaft derzeit im Modus der „Omnikrise“, sagt Kirig. Außerdem ergänzt sie: „Wir versuchen, zusammen ein System zu erhalten, das eigentlich nicht mehr adäquat ist.” Katharina Zwettler stimmt zu: „Wir fördern immer noch Maßnahmen, die dem Klima nicht zuträglich sind.“ Es „knirscht, weil die Politik eine Rolle rückwärts macht“, sagt Kirig.
Außerdem sei die Verantwortung für einen Systemwechsel „lange Zeit auf das Individuum abgewälzt“ worden, sagt Kirig. Das klassische Beispiel dafür ist der ökologische Fußabdruck. Dieser macht Fehlverhalten des Einzelnen messbar, beispielsweise in Bezug auf Mobilität oder Ernährung. Demgegenüber steht das Konzept des ökologischen Handabdrucks, der die Selbstwirksamkeit, die Agency, ins Zentrum rückt. Agency brauchen laut Kirig aber nicht nur Individuen, sondern auch Lobbygruppen und Bevölkerungsgruppen, für eine kollektive Selbstwirksamkeit.
Kirig beobachte auch positive Entwicklungen: Denn in vielen Unternehmen und gesellschaftlichen Gruppen sei Nachhaltigkeit schon verwurzelt. Außerdem gebe es laut ihr in der jüngeren Generation ein größeres Miteinander, beispielsweise werde mehr Wissen geteilt. In Bezug auf die Alpen arbeitet Katharina Zwettler an Klimaresilienz. Dafür gibt es den Aktionsplan für 2050, auf den sich die Alpenstaaten geeinigt haben. Eigentlich brauche es aber eine „neue Logik“, eine Transformation, sagt Kirig. Sie beobachte sie an vielen kleinen Stellen – zum Beispiel, wenn Gruppen real nutzbare Schutzhütten und Brücken bauen. Dabei machen sie Teambuilding und hinterlassen gleichzeitig ihren positiven Handabdruck in der Alpenregion.
Redaktion: Luisa Gohlke
Kategorie: Artikel
Datum: 23.6.2026
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