
Herr Lehning, in Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit der Kryosphäre, also mit dem Schnee-, Eis- und Permafrostvorkommen auf der Erde. Wie stark verändert sich die Kryosphäre im Klimawandel?
In der Kryosphäre finden derzeit Prozesse statt, die zum Teil irreversibel sind. Durch starke Rückkopplungseffekte, zum Beispiel den Schnee-Albedo-Effekt, verändern sich Schnee und Eis sehr schnell und nicht-linear. Das Problem ist, dass viele gängige Klimamodelle diese Rückkopplungseffekte nicht gut repräsentieren.
Woran liegt das?
Die meisten Modelle sind dahingehend zu einfach. Die Schneedecke wird bloß als eine Schicht repräsentiert, obwohl sich innerhalb dieser viele Prozesse abspielen. Durch Schneeverfrachtung, also Schnee, der durch den Wind aufgeregt wird, gehen Schneepartikel zum Beispiel teilweise wieder in die Atmosphäre zurück. Das beeinflusst die Wolkendynamik und den Niederschlag enorm. Und: viele Modelle geben auch die Masse an Schnee, die auf dem Boden liegt, nicht richtig wieder. Und da sprechen wir nicht von einem Fehler von wenigen Prozent, sondern die Modelle unterscheiden sich in der Schneemasse teilweise um den Faktor zehn.
Sie arbeiten schon seit über 20 Jahren an der Entwicklung des SNOWPACK-Modells. Das Modell soll die Prozesse in der Schneedecke besser wiedergeben.
Ja. Das SNOWPACK-Modell bildet die Schneedeckendynamik und ihre Interaktion mit der Atmosphäre sehr genau ab. Wir arbeiten mit fünf Grundparametern: Solarstrahlung, Wärmestrahlung, Windgeschwindigkeit, Temperatur und Feuchte. Zusätzlich ist es sinnvoll, die Temperatur am Boden zu messen. Damit können wir die physikalischen Prozesse in der Schneedecke und die Rückwirkungen mit der Atmosphäre ziemlich genau wiedergeben.
Viele dieser Parameter sind OpenSource-Parameter. Das heißt, die Nutzung von SNOWPACK ist relativ niederschwellig und kostengünstig, oder?
Ja, deshalb wird das Modell auch weltweit eingesetzt, von meteorologischen Diensten oder von Lawinenwarndiensten. Von Japan bis Kanada. Viele Forschungsgruppen nutzen das Modell auch für ihre eigenen Forschungsfragen.
Lernt das Modell dazu? Beispielsweise mit Künstlicher Intelligenz?
Das Modell lernt noch nicht selbstständig. Die Grundlage ist ja auch physikalisch und verändert sich damit nicht. Aber: Wenn wir neue Modelle oder Anpassungen programmieren, ist Künstliche Intelligenz allgegenwärtig. Wenige Mitarbeitende schreiben den Programmcode tatsächlich noch selber Zeile für Zeile, sondern man sagt der KI eigentlich, was man haben will. Dann gibt es einen Code, und den überprüft man dann noch. Das ist gerade eine komplette Umbruchsphase. Und man kann heutzutage über die Ergebnisse der Simulation direkt übersetzen, zum Beispiel in die Lawinengefahr. Auch hier wird KI eingesetzt, quasi als Sparring-Partner.
Gibt es denn durch den Klimawandel mehr solcher Gefahrensituationen? Wenn wir beispielsweise an den Bergsturz in Blatten denken?
Was wir auf jeden Fall sehen, ist, dass die Intensität der Niederschlagsereignisse zunimmt, es immer häufiger Extremereignisse gibt. Gerade die Interaktion von Regen und Schnee spielt da eine große Rolle. Da ist eine detaillierte Simulation sehr nützlich. Bei Bergstürzen ist das etwas anders. Hier spielt der Klimawandel oft nicht direkt eine Rolle dafür, ob ein Bergsturz passiert. Den Zeitpunkt kann der Klimawandel allerdings durchaus beeinflussen, wenn zum Beispiel Permafrost schmilzt und den Berg frühzeitig destabilisiert. Worüber im Fall Blatten wenig diskutiert wurde, war der schmelzende Gletscher, auf den dieser Berg gefallen ist. Dieser Gletscher hat ja gemeinsam mit der Masse des Bergsturzes zur Katastrophe geführt. Wenn der Gletscher noch kälter gewesen wäre, dann wäre das Ausmaß des Bergsturzes vielleicht geringer gewesen.
Zum Abschluss: Wie verändert sich die Schneedecke in den Alpen denn durch den Klimawandel?
Dass die Gletscher verschwinden, ist ja allgemein bekannt. Bei der Schneedecke ist es so, dass man auch in den tiefen Lagen hin und wieder noch mit Schnee rechnen kann. Aber die Schneedecke wird weniger mächtig sein, früher abschmelzen und sich in höhere Lagen zurückziehen. Immerhin: Tallawinen, also Lawinen, die bis in die Tallagen vorstoßen, werden vielleicht sogar abnehmen.
Redaktion: Sophie Achenbach
Kategorie: Artikel
Datum: 23.6.2026
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