
Wenn die TIWAG und Greenpeace auf einer Bühne sitzen, dann sind Meinungsverschiedenheiten vorprogrammiert. Vor allem beim Thema Wasserkraft. Für TIWAG-Vorstandssprecher Michael Kraxner ist der Ausbau der Wasserkraft in Tirol ein „No-Brainer”. Er argumentiert, dass die Wasserkraftwerke vor allem deshalb so wichtig und wertvoll sind, weil sie einen Energiespeicher für große Teile Europas darstellen. Wenn erneuerbare Energien schwächeln – zum Beispiel der Wind nicht weht oder keine Sonne scheint, dann kann Wasserkraft jederzeit mit Pumpspeicherkraftwerken hochgefahren werden. „Speichern ist das große Thema, da müssen wir resilient sein.”
Ursula Bittner sieht das Thema Wasserkraft kritischer. Sie sei zwar nicht per se gegen Wasserkraft, man dürfe aber nicht Naturschutz gegen den Klimaschutz ausspielen. Denn für große Wasserkraftwerke müssen Täler geflutet und in den Lebensraum eingegriffen werden. „Wenn man in die Natur eingreift, dann hat das Folgekosten, die uns irgendwann auf den Kopf fallen.”
Der Energieexperte Johannes Benigni glaubt generell, dass es sogar notwendig sein wird, auch auf Atomenergie zu setzen. „In Österreich haben wir generell aber Glück, weil wir gute Ausgangsvoraussetzungen haben.” Laut Benigni sind aber auch fossile Energien partiell weiterhin notwendig: In der Industrie werde da Gas benötigt, wo hohe Temperaturen benötigt werden. Man müsse hier eine Transformation in Richtung Wasserstoff schaffen, aber nicht in Österreich allein. Das müsse in Europa passieren. „Das Problem in unserem Lastprofil ist, dass es Zeiten gibt, wo die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht”, da gebe es nur Wasserkraft - aber auch Atomkraft als Alternativen.
Sebastian Freier ist Vorstand der EWR-Gruppe und sieht bei der Energiewende vor allem in der Politik und Bürokratie Hürden: „Wir wissen, was wir brauchen, Speicher und Wasserkraft, wir dürfen es nur nicht umsetzen”, erklärt er. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin findet: „Beim Thema Speicher gibt es noch einiges aufzuholen”. „Weltweit fließen doppelt so viele Investitionen in Erneuerbare im Vergleich zu den Fossilen”, sieht sie die Energiewende auf einem guten Weg. „Im Stromsektor kommen wir (in Deutschland) ganz gut voran”, im Gegensatz zum Verkehr. Doch da gibt es nun auch hier Bewegung wegen der Benzinpreise) - „die erste Halbzeit ist gespielt”. Sie argumentiert auch damit, dass erneuerbare Energien preissenkend auf die Strombörse wirken. Wer tatsächlich in der Industrie vom Strompreis abhängig ist, müsse weg vom Gas als Energie.
Neben der Art der Energiebeschaffung geht es dann auch nochmal um ein großes übergeordnetes Thema: den Energieverbrauch per se. Denn der steigt weiterhin und das findet Michael Kraxner bedenklich. „Das beste Kraftwerk ist das, das wir nicht bauen müssen.” Er appelliert an den persönlichen Verzicht und erinnert daran, dass alle etwas beitragen können, um weniger Energie zu verbrauchen. Auch bei diesem Thema wird er sich mit Ursula Bittner von Greenpeace nicht grün. Sie findet es zwar richtig, den individuellen Konsum zu hinterfragen, sieht das Problem aber in einem System, das auf Wachstum aufgebaut ist und daher per se wachsen muss, um sich zu erhalten. Man dürfe nicht auf den „netten Versuch” von großen Konzernen hereinfallen, wenn diese die Verantwortung auf das Individuum verlagern würden.
Trotz manchem Widerspruch bleibt am Ende klar: Bei der Energiebeschaffung wird und muss sich weiterhin etwas ändern, damit Europa, Österreich und die Alpen generell resilient in die Zukunft gehen können. Das Wie, Wann und Wo bleibt Ansichtssache – die Sensibilität und Relevanz des Themas ist aber im allgemeinen Diskurs längst angekommen.
Redaktion: Nico Knappe
Kategorie: Artikel
Datum: 23.6.2026
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